video art kitchen
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video art kitchen vol.1 : SCRATCH!VIDEO

G e o r g e  B a r b e r  +  G o r i l l a  T a p e s  +  D a r a  B i r n b a u m  +  M a r i a  V e d d e r  +  R a f a e l  M o n t a ñ e z  O r t i z  +  P e t e r  C a l l a s  +  N o r b e r t  M e i s s n e r

 

Samplen, mischen, loopen, scratchen - Wenn die Künstler der Scratch-Videos aus dem unendlichen Angebot der Medienwelt schöpfen, um neue, herausfordernde audiovisuelle Botschaften zu kreieren, gehen sie dabei genauso vor wie DJs. Mit dem ersten Programm Scratch!Video aus der neuen video art kitchen werden 7 Videoarbeiten zu diesem Thema vorgestellt. Dabei werden die unterschiedlichen Positionen dieser Künstler in ihrem Umgang mit den Massenmedien deutlich.

Wer den Begriff als erstes erfand, ist ungewiss. In erster Linie ist Video-Scratching eine Form der Videobearbeitung analog zu den Sample- und Scratchtechniken aus der Hip-Hop-Musik. Motive aus Film, Fernseh- und Musikarchiven werden zitiert, spielerisch, assoziativ und provokativ in neue Kontexte exponiert und verfremdet. In rasanten Schnitten, Wiederholungen und Loops werden sie dann zu den unterschiedlichsten Collageformen verdichtet. Der gewohnte Bilderfluss wird ständig unterbrochen und neue ungewöhnliche Bewegungen und Rhythmen entstehen. Die Montage der Bilder ist dabei oftmals an eine bestimmte Sound- oder Musikstruktur gebunden.

Der Ursprung der Scratch-Videos wird oftmals auf einen engen Kreis britischer Videokünstler wie George Barber, die Künstlergruppe Gorilla Tapes, The Duvet Brothers, Kim Flitcroft und Sandra Goldbacher zurückgeführt, deren Arbeiten nicht selten an die Pionierarbeit von John Heartfield erinnern. Mitte der 1980er Jahre experimentierten sie intensiv mit dieser Technik, um gegenüber dem Mainstream-Fernsehen künstlerische Gegenpositionen zu formulieren. Ihr Einfluss auf die spätere Musik- und Werbeclip-Ästhetik ist unverkennbar. Genauso bedienen sich aber auch andere Videokünstler, wie Dara Birnbaum und Rafael Montañez Ortiz, am Repertoire der Massenmedien. Ihre Haltung ist einerseits kritisch und analytisch, andererseits verstehen sie „TV as a Creative Medium“ und nutzen es zur Erarbeitung einer eigenständigen audiovisuellen Sprache.

Scratch-Video ist ein übergeordneter Terminus, um künstlerische Positionen zu fokussieren, die sich mit den Medien Fernsehen und Film sowie ihren Dispositiven und Standards auseinandersetzen und sich an den Rändern von Technologiefaszination und -kritik bewegen.

Das Ergebnis ist eine Form des Kultursampling: Die unterschiedlichsten Gesten, Symbole, Ikonen, Stile und Kulturen werden imitiert, erprobt, erforscht, hinterfragt, manipuliert und fusioniert. Scratch!Video mit ausgewählten Arbeiten aus dem Vertriebsprogramm des imai gibt einen Einblick in dieses Medien- und Kulturlabor. Über das Anklicken der Künstler gelangen Sie direkt zu der ausgewählten Arbeit in unserem Online-Katalog.

 

George Barber: Greatest Hits of Scratch Video Vol.1, 1985, 30:00 min

Greatest Hits of Scratch Video Vol.1 ist ein einzigartiger Sampler, der die Arbeiten und vielseitigen Positionen der britischen Scratch Video-Künstler aus den 1980ern aufgreift und zu einer grellen, bunten, teils kritischen aber auch kitschigen Stilcollage zusammenfügt. George Barber selbst erforscht insbesondere das ästhetische Potential manipulierter Videobilder und spielt mit sinnlichen visuellen Effekten.

     
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Gorilla Tapes: Lo Pay no Way, 1988, 6:23 min

Gorilla Tapes erarbeiten explizit politische Tapes. Lo pay no way ist als Collage aus Found-Footage und Nachrichtenbildern in das Lied einer Hip-Hop-Gruppe eingebettet, die satirisch die Fast-Food-Kultur sowie die Sozialpolitik Magret Thatchers kritisiert.

     
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Dara Birnbaum: Pop Pop Video II: Kojak-Wang, 1980, 2:52 min

Dara Birnbaum zitiert in dieser Arbeit aus der US-amerikanischen Fernsehserie „Kojak-Einsatz in Manhatten“. Dabei verwendet sie Sequenzen aus einer Schussszene und stellt sie Bildern aus einem Werbeclip der Computerfirma „Wang Laboratories“ gegenüber. Schnelle Schnitte und geloopte Rockmusik unterstreichen das rasende Gefecht, das zwischen kommerziellem Fernsehen und Computertechnologie ausgetragen wird.

     
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Maria Vedder: Pal oder Never the same color, 1988, 5:47 min

Maria Vedder hinterfragt auf satirische Weise in Pal oder Never The Same Color zwei Normen der Fernsehwiedergabe – das europäische PAL und das amerikanische NTSC-System. Die Untersuchungen zur Wiedergabe der Farben durch beide Systeme werden von einer Nachrichtensprecherin aus den 1960er Jahren begleitet. Im Gegensatz zu PAL ist das amerikanische System weniger farbstabil und erhielt deshalb den Spitznamen „Never The Same Color“.

     
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Rafael Montañez Ortiz: Fred and Ginger, 1990, 7:01 min

In Fred and Ginger verwendet Rafael Montañez Ortiz nur wenige Sekunden aus einer Tanzszene des berühmten Schauspielerpaars Fred Astair und Ginger Rogers, die er immer wieder loopt, so dass sich das Paar und die Musik, nur in winzigen Schritten vor- und zurückbewegen, vergleichbar mit dem Sprung auf einer Schallplatte.

     
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Peter Callas: Double Trouble, 1986, 6:02 min

Double Trouble von Peter Callas, in Japan produziert, ist eine Studie über Bewegungen und Gesten als kulturelle Bedeutungsträger. Kleine Gesten wie das Zusammenfalten von Händen während einer Unterhaltung, das Schütteln des Kopfes oder Zucken der Schultern werden stetig wiederholt. Dabei tauchen die Personen immer als Doppelgänger oder Spiegelbilder auf.

     
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Norbert Meissner: Die 3 von der Tankstelle, 1989-1994, 1:57 min

Norbert Meissner verwendet in Die 3 von der Tankstelle etliche Sequenzen, um die gleichnamige deutsche Filmoperette in nur knapp 2 Minuten zusammenzufassen. In Hochgeschwindigkeit laufen altbekannte Szenen des Klassikers vor dem Zuschauer ab. Nur durch einen kontinuierlichen Soundtrack und subtile Eingriffe in markante Szenen lässt sich der Film in diesem Strom der Bilder wiedererkennen. Die Arbeit gehört zum Repertoire von Meissners „Filmfax“, einem interaktiven Filmautomaten, der dem Besucher durch diese zweiminütigen Beiträge einen Crash-Kurs in Filmgeschichte liefert.

     
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Text und Konzept: Elena Friedrich und Sven Seibel