Fallstudien
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Fallstudie 1

Studio Azzurro, Il nuotatore (va troppo spesso ad Heidelberg), 1984


Die erste Medienkunstinstallation, die imai im Rahmen des imai-Restaurierungsprojektes in Kooperation mit Restauratoren, Kunsthistorikern, Technikern und den Künstlern restauriert und re-inszeniert hat, ist Il nuotatore aus dem Jahr 1984.

Werkbeschreibung
Il nuotatore (va troppo spesso ad Heidelberg) - auf Deutsch: Der Schwimmer (fährt zu oft nach Heidelberg) - aus dem Jahr 1984 ist eine der bedeutendsten Arbeiten von Studio Azzuro, einer Künstlerwerkstatt, die 1982 von Fabio Cirifino, Paolo Rosa und Leonardo Sangiorgi in Mailand gegründet wurde.

In dem Videoenvironment zieht ein Schwimmer pausenlos seine Bahnen. Dabei scheint er die Rahmen von 12 nebeneinander stehenden Monitoren zu durchbrechen. Auf einem zusätzlichen Monitor sind bewegte und zum Teil verzerrte Bilder einer Uhr zu sehen. Ein blaues Licht sättigt das Ambiente und verleiht der Installation die Atmosphäre einer Welt unter Wasser. Die visuellen Eindrücke werden durch Wassergeräusche, Musik und die vorgelesene Erzählung Du fährst zu oft nach Heidelberg (1977) von Heinrich Böll ergänzt.

Präsentationsgeschichte
Bei der ersten Inszenierung im Palazzo Fortuny in Venedig (1984) wurden für die Videos des Schwimmers zwei Reihen von jeweils 12 Monitoren in einem Raum platziert, der als Schwimmbad gestaltet worden war.

Dieser ersten Präsentation folgten zahlreiche Re-Inszenierungen. Sie beschränkten sich alle auf eine einzige Reihe von 12 Monitoren. Das Schwimmbad wurde nicht mehr aufgebaut. Die Videos des Schwimmers wurden in den 1990er Jahren auf Laserdiscs übertragen. Neue Systeme für ihre Synchronisation wurden erprobt. Nach längerer Laufzeit kam es trotzdem zur Asynchronität der 12 Videos.

Fragestellung
Die Fragen, die sich bei dieser Fallstudie gestellt haben, betrafen einerseits die Speichermedien und Wiedergabegeräte der Installation, andererseits den Kontext und die Form der Präsentation:

  • Welche Rolle spielen Ort (kulturelle, historische, gesellschaftliche Bezüge, Raumgegebenheiten) und Inszenierung (Andeutung des Schwimmbads, Besucherführung, Zahl und Position der Monitore, Licht, Ton etc.) für Der Schwimmer
  • Welche Eigenschaften der Arbeit sind unabdingbar für ihre Authentizität? 
  • In welchem Zustand sind die ursprünglichen U-matic-Bänder und die Laserdiscs aus den 1990er Jahren? 
  • Sollten die Videos digitalisiert werden und wenn ja, von welchem Ausgangsmaterial: U-matic oder Laserdisc? 
  • Wie kann man verhindern, dass eine Asynchronität der 12 Videos des Schwimmers entsteht? 
  • Welche Bedeutung haben Röhrenmonitore für die Wirkung der Arbeit? Dürfen sie durch Flachbildschirme ersetzt werden?

Restaurierung am imai
Datenträger: Bei der Evaluation des Videomaterials im Rahmen der Fallstudie konnten spezifische Alterungserscheinungen der zwei verwendeten Datenträger (U-matic-Bänder und Laserdisc) festgestellt werden: Während die U-matic-Bänder v.a. Dropouts aufweisen, zeigen die Laserdiscs ein typisches Großflächenflimmern und im Vergleich zum Bild der U-matic-Ausgangsbänder ein kontrastarmes und unscharfes Bild. Außerdem stellte sich heraus, dass die Laserdics eine gekürzte Fassung der Videos beinhalteten. Beide Fassungen wurden gesichert und alle Datenträger gereinigt. Für die Präsentation am imai wurden zusätzlich Videodateien im MPEG-2 Format erstellt und auf Compactflashkarten gespeichert.

Synchronisation: Für die Präsentation der Arbeit wurde ein 12-kanaliger MPEG-Player mit integrierter Steuerungssoftware verwendet. Die Synchronität bleibt so im Vergleich zu der Version mit 12 U-Matic- bzw. Laserdisc-Playern dauerhaft erhalten.

Re-Inszenierung: Die Stiftung imai re-inszenierte die Arbeit Der Schwimmer und zeigte sie in der Ausstellung Crossing the screen (30. Nov. 2006 - 14. Jan. 2007). Die Inszenierung in Düsseldorf lehnte sich an die Form der Präsentation an, die sich in den vorherigen Re-Installationen etabliert hatte.

Vorläufige Ergebnisse
Ort und Inszenierung: Eine kunsthistorische Analyse der Arbeit sowie ein Interview mit dem Künstler Leonardo Sangiorgi haben ergeben, dass die Installation konzeptuell nicht an den ersten Ausstellungsort gebunden war. Die erste Inszenierung von Der Schwimmer war einmalig: Die Besucher konnten über eine Treppe in eine Art Schwimmbad "eintauchen" und um die Monitore herum flanieren. Die Errichtung eines Schwimmbads war laut Sangiorgi bei den späteren Präsentationen nicht erforderlich. Aufgrund der neuen Art der Inszenierung hat sich aber das durch die Arbeit ermöglichte Erlebnis für den Betrachter wesentlich verändert. Eine grundlegende Rolle für die Videoinstallation spielen das Ambiente mit dem blauen Licht, die Tonkomponenten und die separate Videosequenz der Uhr.

Monitore: Die Überschreitung der einzelnen Monitorrahmen durch das Bild des Schwimmers ist ein essenzieller Aspekt für die Authentizität der Installation. Die Zahl der Monitore ist jedoch nicht zwingend vorgegeben. Die Doppelung der Reihe von 12 Monitoren ist nach Sangiorgi nicht notwendig. Sangiorgi ist der Meinung, dass Röhrenmonitore in Zukunft sowohl durch Flachbildschirme als auch durch Projektionen ersetzt werden könnten. Beide Möglichkeiten wären jedoch aus kunsthistorischer und restaurierungsethischer Sicht zu hinterfragen, weil sie eine substantielle Veränderung der ästhetischen und insbesondere plastischen Qualitäten der Installation mit sich bringen würden.


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