Fallstudien
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Fallstudie 2

Gary Hill, In Situ, 1986


Die zweite imai-Fallstudie widmet sich der Mixed-Media-Installation In Situ (1986) von Gary Hill. Sie wurde in Kooperation mit dem Künstler restauriert und anschließend im Rahmen der Hill Einzelausstellung Strange Trajectories ausgestellt. Die Installation war zuvor 1990 das letzte Mal gezeigt worden.

Werkbeschreibung
Ein rechteckiges, sehr niedriges Podest, das mit grauem Teppichboden ausgelegt ist, markiert den Raum der Installation. Auf einer Art TV-Möbel steht ein Monitor-Gehäuse, in dem sich ein zu kleiner Bildschirm befindet. Das dort abgespielte Video besteht aus einer Montage von Fernsehmitschnitten über die Iran-Contra-Affäre (1986) und eigens dafür gedrehtem Videomaterial, das durch den Roman Thomas der Dunkle von Maurice Blanchot inspiriert worden ist.

Dem Monitor gegenüber steht ein Fernsehsessel mit einem zu kleinen Sitzkissen. Zwischen Monitor und Sessel ist am Boden ein Gehäuse mit zwei Venitatoren platziert. Weitere vier Ventilatoren sind in säulenartigen Elementen in den vier Ecken untergebracht und zur Mitte hin ausgerichtet. In der Mitte der Decke ist ein für die Installation speziell angefertigter "Papierverteiler" aufgehängt, der Papierblätter nach einer festgelegten Reihenfolge ausstößt. Die DINA 4 großen Blätter sind doppelseitig mit Standbildern aus dem Video bedruckt und nummeriert. Sie fallen genau dann herab, wenn die gleichen Bilder auf dem Bildschirm zu sehen sind. Im Fallen werden die Kopien durch die Ventilatoren aufgewirbelt, so dass der Betrachter auf dem Fernsehsessel einer Art "Bildersturm" ausgesetzt ist. Der Monitor, der Papierverteiler, die Ventilatoren und die Lautsprecher werden durch Kontrollsignale auf einer der Tonspuren des Videos gesteuert. Der Zyklus dauert ca. 17 Minuten. Danach muss der Papierverteiler manuell wieder mit einem Set von fotokopierten Blättern gefüllt werden.

Präsentationsgeschichte
Die erste Präsentation der Arbeit In Situ erfolgte 1986 im Rahmen des National Video Festival des American Film Institute (AFI). Die verschiedenen Elemente der Installation wurden dort direkt auf dem vorhandenen Boden und mit einer diagonalen Ausrichtung platziert. 

In allen folgenden Präsentationen wurden sie dagegen auf einem niedrigen Podest mit Teppichboden installiert, der den Raum der Arbeit vom restlichen Raum deutlich absetzte.

Fragestellung

  • Welche Rolle spielt der Ort der Installation? Wie soll in diesem Zusammenhang der Titel In Situ verstanden werden?
  • Welche Präsentation gilt als Orientierung für eine Re-Installation?
  • Welche Aspekte der Installation sind unabdingbar für ihre Authentizität?
  • Nach welchen Kriterien sollen die Bestandteile der Installation (Teppich, Sessel, Monitor etc.) ausgewählt werden?
  • Welche Rolle spielt der Röhrenmonitor? Ist er durch einen Flachbildschirm ersetzbar?
  • Nach welcher Partitur werden die verschiedenen Elemente der Installation gesteuert?

Restaurierung am imai
Datenträger: Das ursprüngliche U-Matic-Band wurde gesichert und für die Präsentation am imai zusätzlich auf DVD übertragen.

Sessel: Laut Gary Hill sollte für die Installation ein Sessel in dem Typischen Stil der 1960er Jahr verwendet werden. Für die Re-Inszenierung in Düsseldorf wurde ein solcher Sessel speziell nach den Angaben des Künstlers modifiziert: Er wurde grau bezogen und das Sitzkissen verkleinert.  

Re-Inszenierung: Die Stiftung imai re-inszenierte die Installation In Situ und zeigte sie in der Gary Hill Einzelausstellung Strange Trajectories (16. September - 28. Oktober 2007). Als Vorbild für die Inszenierung in Düsseldorf diente nicht die erste Präsentation der Arbeit in Los Angeles, sondern die Form der Präsentation, die sich in den weiteren Ausstellungen etabliert hatte.

Vorläufige Ergebnisse
Ort und Inszenierung:Die Analyse der Präsentationsgeschichte der Installation und ein Interview mit dem Künstler haben ergeben, dass es notwendig ist, im Ausstellungsraum einen abgegrenzten Ort (Situ) durch das Podest und den Teppichboden zu schaffen. Diese "Insel" kann prinzipiell überall aufgebaut werden. Die erste Präsenatation von In Situ 1986 stellte eine Anpassung an die besonderen Gegebenheiten der dortigen Situation dar. Die zukünftigen Inszenierungen sollen sich an den darauf folgenden Präsentationen orientieren.

Monitor: Der kleine Monitor in dem überdimensionierten Gehäuse soll laut Hill die Assoziation mit einem Auge wecken. Dies wird durch eine Nahaufnahme vom Auge des Künstlers am Anfang des Videos verstärkt. Der Röhrenmonitor mit seiner charakteristischen gewölbten Form darf in Zukunft nicht durch einen Flachbildschirm ersetzt werden, da die Assoziation zum Auge dadurch verloren ginge. Hill schließt eine Alternative zum Röhrenmonitor nicht grundsätzlich aus, falls diese über eine Wölbung verfügt. Sobald konkrete technische Alternativen verfügbar sind, sollen sie kunsthistorisch abgewogen werden.

Partitur: Der Künstler definiert In Situ als eine "System-Performance", d.h. eine Aufführung, die durch ein elektronisches Steuerungssystem dirigiert wird. Reihenfolge und Rhythmus, in denen die verschiedenen Geräte der Installation funktionieren, folgen einer Partitur, die der Künstler auf einer Tonspur des Videos angelegt hat. Sie ist von essenzieller Bedeutung für die Arbeit und sollte schriftlich festgehalten werden.


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