video art kitchen
SilviaKirchhof_Push.jpg

video art kitchen vol.3 : CROSS!FICTION

Lei Cox + Ken Feingold + Alexander Hahn + Silvia Kirchhof + Marty St. James / Anne Wilson + Raskin (Rotraut Pape / Andreas Coerper)

 

Für die 3. Ausgabe der video art kitchen rückt das imai künstlerische Positionen der 1980er und 1990er Jahre in den Fokus, die das Themenfeld der Traum- und Trugbilder aufgreifen oder visuell erfahrbar machen. Sie experimentieren mit den traditionellen Erzählformen und fordern den Betrachter zur Partizipation am dargebotenen narrativen Geschehen auf. Den Arbeiten liegen teils labyrinthische, teils rhizomartige Strukturen zugrunde, die eine Vermischung von disparaten Wirklichkeiten und Absurditäten bewirken.

Es entstehen eigenartig schwebende, mehrschichtige Erzählungen und Räume, die an die Welt des Unbewussten, des Traumes, des Fantastischen und Unheimlichen erinnern und die Prinzipien der Linearität, der Logik und Klarheit außer Kraft setzen. Die strikte Trennung zwischen Traum und Alltagsrealität verwischt. Die Grenzen zwischen den Kategorien des Objektiven und Subjektiven, des Faktischen und Fiktiven werden fließend und fraglich.

Dabei setzen die Beiträge von Lei Cox, Ken Feingold, Alexander Hahn, Silvia Kirchhof und der Künstlerduos Marty St. James / Anne Wilson und Raskin (Rotraut Pape / Andreas Coerper) je unterschiedliche Schwerpunkte zum Thema. So beschäftigen sich Lei Cox und Alexander Hahn mit der Erzeugung virtueller oder fantastischer Welten und führen die Erfahrung visueller Wahrnehmung auf den Bereich des Unbewussten zurück. Die Arbeiten von Ken Feingold und den Duos Marty St. James / Anne Wilson und Raskin liefern deutliche Querverweise auf die Bilderträume der surrealistischen Avantgarde. Silvia Kirchhof hingegen verwendet die Traumsphäre als narrative Rahmenstruktur für ihre Reflexion politischer Inhalte.

Die 6 Videoarbeiten unserer 3. Staffel entführen Sie in die facettenreiche Welt des Traumes, der Wunschbilder und Wahnvorstellungen. Über das Anklicken einzelner Positionen gelangen Sie direkt zu den ausgewählten Arbeiten in unserem Online-Katalog, wo weiterführendes Material zur Ansicht und zum Download zur Verfügung steht.

 

 

Lei Cox: The Parallel, 1988, 2:16 min

Ist es möglich, zur selben Zeit an mehr als einem Ort zu sein? Die Arbeit von Lei Cox thematisiert die Möglichkeit paralleler Universen: Wir sehen ihn selbst am Ufer eines Gewässers herumspazieren. Sein Spiegelbild im Wasser folgt ihm auf Schritt und Tritt. Nach einer Weile des Hin- und Herschlenderns büßt die Reflexion ihre Synchronität ein und beginnt ein gänzliches Eigenleben. Mit typisch surrealistischen Mitteln wird die kategorische Trennung von Bild / Spiegelbild und Original / Doppelgänger hier buchstäblich «auf den Kopf gestellt».

     

 Cox_The-Parallel.jpg

 

Alexander Hahn: Urban Memories, 1987, 5:19 min

Ausgangspunkt dieser rauschhaften Reise in die Urban Memories bildet Jan Vermeers Ölgemälde Ansicht von Delft. Mit schwindelerregendem Tempo fährt der Betrachter wie im Zustand der Trunkenheit durch ein Labyrinth linear-perspektivischer Renaissancezeichnungen, vorbei an zerfallenen architektonischen Strukturen und farb- manipulierten Landschaften. Die Grenzen zwischen den Realitätsebenen der dargestellten raumzeitlichen Systeme lösen sich auf. Erzeugt wird ein Raum, der einzig den Gesetzmäßigkeiten der Illusion gehorcht.

     

 Hahn_Urban-Memories.jpg

 

Raskin (Rotraut Pape / Andreas Coerper): Rauchnächte, 1990, 10:27 min

Nach altem Volksglauben sind die «Rauchnächte» zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar eine Zeit der Geisterbeschwörung und Ausräucherung. In der gleichnamigen Videoarbeit wird dieses Ritual ironisch aufgegriffen. Die in einer geheimnisvollen Raucherrunde vereinten 5 Charaktere treten nur auf den ersten Blick miteinander ins Gespräch. bei genauer Betrachtung spielen sie sich durch die Visionen heraufbeschwörenden Rauchschwaden teils wortlose, teils theatralische Gesten und melodramatische Satzfragmente zu. Noch bevor einer der Protagonisten auch nur einen klaren Gedanken zu artikulieren vermag, lösen sich die «Geister» dieser Nacht bereits in der Skurrilität und Ungewissheit der Szene auf.

    

 Raskin_Rauchnaechte.jpg

 

 

Marty St. James / Anne Wilson: Hotel, 1989, 22:25 min

Die ursprünglich für die gleichnamige Ausstellungsinstallation in der AIR Gallery in London konzipierte Arbeit Hotel von 1989 nimmt den Hotelbesuch zweier Reisender in Augenschein und skizziert deren Erfahrungen, Erinnerungen und Sehnsüchte. Von der Anreise über den Empfang in der Hotelrezeption bis zum Tanzsaal wird der Betrachter auf eine surreal anmutende Reise durch die einzelnen Stationen dieses kuriosen Ortes geführt. Er gelangt in eine Welt der endlos erklingenden Fahrstuhlmusik, der bis ins Absurde übersteigerten Sinneseindrücke und der ins Surreale abgleitenden Hotelstandards, in der ganz eigene Verhaltensregeln und Gewohnheiten herrschen. 

 

     

 

St-James-Wilson_Hotel.jpg

Ken Feingold: Un chien délicieux, 1991, 18:45 min

Un chien délicieux spielt nicht nur durch die Titelverwand-schaft mit dem Filmklassiker Un chien andalou auf seine surrealistischen Bezüge an. Auch hier sind die Dinge nicht, was sie im Auge des Betrachters zunächst zu sein scheinen: Der Erzähler - ein Burmese im Norden Thailands - erinnert an seine Reise mit einer Gruppe französischer Anthropologen ins Paris des «Après Guerre». Er berichtet von der Begegnung mit André Breton und davon, wie er ihn für das Abschiedsessen zur Zubereitung eines Hundes überredet - «ein absolutes Tabu in der französischen Kultur!». Die Geschichte ist eine glaubhaft wie großartig erzählte Lüge. Mit ihr thematisiert Ken Feingold die - im Dokumentarfilm wie auch in der ethnografischen Filmpraxis angelegte - Problematik der Behauptung und vorgeblichen Beweisführung von Wahrheit.

 

     

Feingold_Un-Chien-Delicieux.jpg

Silvia Kirchhof: Push, 1996, 4:51 min

In Push wird ein an der Decke kreisender Ventilator zur Projektionsfläche für die Wachträume eines Soldaten. Den Blick auf die meditativen Propeller-Umdrehungen über sich gerichtet, wird der Liegende von den Bildern seiner Vergangenheit und Gegenwart eingeholt. Darunter mischen sich historische Aufnahmen eines Atombombenabwurfs, seiner Opfer und der politischen Konsequenzen. Visuell spannt die Arbeit einen Bogen von Hiroshima und Tschernobyl bis hin zu den Atomversuchen am Mururoa-Atoll in den 1990er Jahren. Die apokalyptischen Visionen erschrecken und verstören. Sie lassen die Bilder beschuldigter Soldaten und der politisch Verantwortlichen auf die visuellen Eindrücke von unschuldigen Kindern und Verletzten prallen.


Konzept: Elena Friedrich
Text: Elena Friedrich und Anika Tannert

     

Kirchhof_Push.jpg